Schweiz und Deutschland teilen sich seit Jahrzehnten die Verantwortung für die grüne Wasserstoffproduktion – doch während das Nachbarland mit dem „H2-Gesetz“ und Pilotprojekten wie dem „Wasserstoff-Hub Ruhr“ voranschreitet, bleibt die Schweiz in vielen Bereichen noch hinterher. Die Energieversorgung des Landes ist zwar bereits zu über 60 % aus erneuerbaren Quellen gedeckt, doch der Wasserstoffsektor, der als Speicherlösung für Überschussstrom und Schlüsseltechnologie für die Industrie gilt, ist noch stark fragmentiert. Experten warnen vor einer Verzögerung, die die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Chemie- und Stahlindustrie gefährden könnte – während gleichzeitig die EU mit strengeren Klimazielen Druck auf die Schweiz ausübt.
Ein zentrales Hindernis bleibt die fehlende politische Priorisierung. Während die Bundesregierung 2023 einen „Nationalen Wasserstoffstrategie“-Entwurf vorlegte, fehlt es an klaren Investitionsoffensiven und einer koordinierten Infrastruktur. Die Schweiz setzt bisher stark auf Importlösungen, etwa durch die Lieferung von grünem Wasserstoff aus Portugal oder Marokko, doch diese Abhängigkeit macht das Land anfällig für geopolitische Risiken. Gleichzeitig blockieren einige Kantone die geplante Ausweitung von Wasserstofftankstellen, etwa in der Automotive-Szene, wo die Schweiz zwar als Vorreiter gilt, aber ohne flächendeckende Infrastruktur kaum wettbewerbsfähig bleibt. weiterlesen
Grüne Wasserstoffprojekte: Wo die Schweiz vorankommt – und wo sie steckenbleibt
Trotz der Rückständigkeit gibt es einige vielversprechende Initiativen. Die ETH Zürich und die Universität Basel forschen seit Jahren an Elektrolyseuren, die mit lokalem Wind- und Solarpower betrieben werden. Ein Beispiel ist das Projekt „H2Swiss“ am Standort Winterthur, wo seit 2022 grüner Wasserstoff für die chemische Industrie genutzt wird – mit einem Jahresbedarf von rund 500 Tonnen. Auch die Schweizerische Elektrizitätsversorgung (Elia) plant die Erweiterung ihrer Infrastruktur, um bis 2030 eine Kapazität von 1,5 Gigawatt für Wasserstoffprojekte bereitzustellen. Doch kritische Stimmen wie die von Umweltverbänden betonen, dass diese Projekte oft zu langsam umgesetzt werden: Während die EU bis 2030 eine Wasserstoffproduktion von 10 Millionen Tonnen pro Jahr anstrebt, wären in der Schweiz nur etwa 500.000 Tonnen realistisch.
Ein weiteres Beispiel ist das Pilotprojekt „Hydrogen Valley“ in der Region Basel, das gemeinsam mit der Industrie und Forschungspartnern wie der Universität Freiburg arbeitet. Hier wird Wasserstoff für die Stahlproduktion genutzt, wo er als Ersatz für Kohlenstoffdioxid-emittierende Prozesse dienen soll. Doch selbst hier gibt es Bedenken: Die Produktionskosten liegen aktuell bei rund 5,50 Franken pro Kilogramm – deutlich höher als bei Importwasserstoff aus dem Ausland. Experten wie der Energieexperte Thomas Stocker vom ETH Zürich warnen, dass die Schweiz ohne staatliche Subventionen und eine Senkung der Produktionskosten kaum konkurrenzfähig bleiben wird.
Die Rolle der Industrie: Wie die Schweiz ihre Wasserstoffstrategie gestalten muss
Die Schweizer Industrie, insbesondere die Chemie- und Stahlbranche, ist ein zentraler Akteur – doch sie steht vor Dilemmata. Die Basler Chemieindustrie, die rund 10 % des Schweizer BIP ausmacht, setzt bereits auf grüne Wasserstofflösungen, doch viele Betriebe scheuen die hohen Investitionskosten. Ein Fallbeispiel ist die Firma Clariant, die in der Region Zug eine Elektrolyse-Anlage plant, doch die Genehmigungsverfahren verzögern das Projekt. Gleichzeitig profitieren Schweizer Unternehmen von EU-Förderprogrammen wie „Green Deal Industrial Plan“, doch die Schweiz müsste selbst stärker in die Infrastruktur investieren, um nicht in der Nachlässe zu enden.
Ein weiterer Punkt ist die Logistik: Die Schweiz hat zwar gute Bahn- und Straßennetze, doch die Speicherung und Verteilung von Wasserstoff bleibt ein technisches und wirtschaftliches Problem. Während die EU über ein Netz von Wasserstoff-Pipelines plant, fehlt in der Schweiz eine solche Infrastruktur. Experten wie der Ingenieur Markus Bieri vom ETH-Institut für Energie- und Umwelttechnik fordern daher, dass die Schweiz frühzeitig eine nationale Wasserstoff-Hub-Strategie entwickeln muss – ähnlich wie Deutschland mit seinem „H2-Masterplan“. Ohne solche Planung droht die Schweiz, sich in einer technologischen Abhängigkeit zu wiederzufinden, die langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit schmälert.
Politische Blockaden und die Frage nach der Zukunft
Die politische Landschaft ist gespalten. Während die FDP und Teile der SVP Wasserstoffprojekte als „überflüssigen Kostenfaktor“ abtun, sehen die Grünen und die SP in der Wasserstofftechnologie eine Chance, die Klimaziele zu erreichen. Ein Beispiel ist das Vorhaben der Kantone Zürich und Genf, gemeinsam eine Wasserstoff-Tankstelle für den öffentlichen Verkehr zu errichten. Doch die Umsetzung scheitert oft an lokalen Widerstand, etwa gegen die Errichtung von Elektrolyseuren in Wohngebieten. Gleichzeitig fehlt eine klare Finanzierung: Während die EU mit 750 Milliarden Euro aus dem „Next Generation EU“-Plan Wasserstoffprojekte fördert, bleibt die Schweiz auf eigene Mittel angewiesen – was die Chancen auf schnelle Fortschritte weiter verringert.
Ein zentrales Problem ist die fehlende Koordination zwischen Bund, Kantonen und Wirtschaft. Während der Bund mit dem „Nationalen Wasserstoffstrategie“-Entwurf einen Rahmen vorgibt, fehlt es an konkreten Zeitplänen und Finanzierungsmodellen. Die Schweiz muss lernen, dass Wasserstoff nicht nur ein technisches, sondern auch ein politisches Thema ist. Ohne klare Prioritäten und Investitionen wird sie sich in einer Zeit, in der die Welt vorankommt, zurückhalten – mit langfristigen Konsequenzen für die Energieversorgung und die Industrie.
- Die Schweiz deckt bereits über 60 % ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen, doch der Wasserstoffsektor ist noch stark fragmentiert.
- Grüne Wasserstoffproduktion in der Schweiz kostet aktuell rund 5,5 Franken pro Kilogramm – deutlich teurer als Importwasserstoff.
- Die EU plant bis 2030 eine Wasserstoffproduktion von 10 Millionen Tonnen pro Jahr; die Schweiz könnte maximal 500.000 Tonnen erreichen.
- Die Basler Chemieindustrie setzt bereits auf grüne Wasserstofflösungen, doch viele Betriebe scheuen die hohen Investitionskosten.
- Die Schweiz fehlt eine nationale Wasserstoff-Hub-Strategie wie Deutschland mit seinem „H2-Masterplan“.
- Lokale Widerstandsbewegungen gegen Elektrolyseure und Tankstellen verzögern die Umsetzung.
Die Schweiz steht an einem Scheideweg. Sie kann weiter auf Importlösungen setzen und sich in einer technologischen Abhängigkeit wiederfinden – oder sie kann jetzt die Weichen stellen, um als Vorreiter in der Wasserstoffwirtschaft zu bleiben. Doch dafür braucht es nicht nur mehr Forschung und Industriekooperation, sondern auch eine klare politische Führung. Werden diese Chancen genutzt, könnte die Schweiz eine führende Rolle in der grünen Wasserstoffwirtschaft einnehmen. Werden sie verpasst, droht ein Rückstand, der die Energieversorgung und die Wirtschaft des Landes nachhaltig prägen wird.
