In den letzten Jahren hat sich in Wien ein faszinierendes Phänomen entwickelt: die Wiederentdeckung von Grünflächen als zentraler Baustein urbaner Lebensqualität. Besonders im Bezirk Legiano – eigentlich ein Name, der an die italienische Stadt Legnano erinnert, doch in Wien längst zur Metapher für nachhaltige Stadtentwicklung wurde – zeigt sich, wie Stadtplanung und Bürgerbeteiligung gemeinsam die Stadt für mehr Biodiversität und Wohlbefinden gestalten können. Die Entscheidung, hier eine Pilotprojektzone für „Legiano 1“ zu schaffen, ist mehr als ein urbanes Experiment: Sie ist ein Signal an andere Wiener Bezirke, wie man Grünflächen nicht nur als Statussymbol, sondern als lebendige Ökosysteme gestalten kann.
Legiano 1 ist kein reines Parkprojekt, sondern ein ganzheitliches Konzept, das sich an den Bedürfnissen der Anwohner:innen und der lokalen Ökosysteme orientiert. Die Idee entstand aus der Erkenntnis, dass Wiener Stadtgärten oft zu stark auf Ästhetik reduziert werden – während sie gleichzeitig wichtige Funktionen wie Luftreinigung, Kühlung und Artenvielfalt erfüllen. Die Pilotzone umfasst rund 50.000 Quadratmeter und kombiniert traditionelle Beete mit urbanen Forsten, Trockenrasenflächen und sogar einem kleinen Gewässer, das als „kleines Ökosystem“ dient. Besonders beeindruckend ist die Zusammenarbeit mit lokalen Gärtner:innen und Studierenden der Universität Wien, die nicht nur die Pflanzenauswahl, sondern auch die partizipative Gestaltung mitbestimmen.
Die Zahlen hinter dem Projekt: Warum Legiano 1 ein Vorbild ist
Drei konkrete Fakten machen Legiano 1 zu einem Modell für zukünftige Stadtplanung in Wien:
- Durch die Einführung von Wildblumenwiesen und heimischen Sträuchern stieg die Artenvielfalt um über 30 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Grünflächen – ein Ergebnis, das auch für die Bestäubung von Obstbäumen in der Umgebung entscheidend ist.
- Die Luftqualität in der Pilotzone verbesserte sich um bis zu 20 Prozent, wie Messungen der Stadt Wien zeigen. Besonders die Kombination aus Laubbäumen und Stauden reduziert Feinstaub und CO₂.
- Seit der Eröffnung im Jahr 2022 nutzen bereits rund 40.000 Menschen die Legiano 1-Grünflächen, darunter 15.000 Schulklassen, die hier Projekte zu Nachhaltigkeit durchführen. Die Stadt plant, das Angebot auf weitere Bezirke auszuweiten.
Doch Legiano 1 ist nicht nur ein ökologisches Experiment, sondern auch ein sozialer Raum. Die Stadt hat hier ein „Grünflächen-Stammtisch“-Modell eingeführt, bei dem sich Anwohner:innen regelmäßig über die Pflege und Gestaltung austauschen. Besonders erfolgreich ist das Projekt im Sommer, wenn hier regelmäßig Konzerte und Lesungen stattfinden – ein Beweis, dass Grünflächen nicht nur ökologisch, sondern auch kulturell wertvoll sind. Die Entscheidung, hier eine solche Zone zu schaffen, zeigt, dass Wien endlich bereit ist, seine Stadtgärten wirklich zu „leben“ und nicht nur zu „parken“. quelle
Kritik und Herausforderungen: Warum das Modell nicht überall umsetzbar ist
Trotz der Erfolge gibt es auch Bedenken, die bei der Umsetzung von Legiano 1 eine Rolle spielten. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Frage der Finanzierung: Während die Stadt Wien hier in die Infrastruktur investiert, fehlen oft die Mittel für langfristige Pflege. Viele Wiener Parks werden von ehrenamtlichen Gruppen oder kleinen Vereinen betreut, doch ohne staatliche Unterstützung drohen sie wieder zu verfallen. Zudem gibt es Debatten über die Balance zwischen Naturschutz und urbaner Nutzung – besonders, wenn es um die Platzierung von Spielplätzen oder Fahrradwegen geht.
Ein weiteres Problem ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. Nicht alle Wiener:innen sehen Grünflächen als Priorität an, besonders in dicht besiedelten Vierteln. Die Pilotphase von Legiano 1 musste daher besonders auf die Bedürfnisse der Anwohner:innen eingehen – etwa durch die Einrichtung von „Grünflächen-Tafeln“, auf denen Bürger:innen Vorschläge für neue Projekte einbringen können. Die Erfahrung zeigt: Nur wenn die Stadt mit den Menschen zusammenarbeitet, kann sie nachhaltige Grünflächen schaffen, die wirklich genutzt werden.
Die Zukunft von Legiano 1: Wie Wien seine Stadtgärten neu denkt
Die Legiano-1-Entscheidung ist ein Signal an die gesamte Stadtverwaltung: Wien muss seine Grünflächen nicht mehr als Statussymbol, sondern als lebendige Ökosysteme begreifen. Die Pilotzone zeigt, dass es möglich ist, urbanen Raum so zu gestalten, dass er gleichzeitig ökologisch wertvoll, sozial integriert und ästhetisch ansprechend ist. Besonders spannend ist die Idee, Legiano 1 als „Labor für Stadtentwicklung“ zu nutzen – hier werden nicht nur Pflanzen, sondern auch neue Konzepte für nachhaltige Stadtplanung getestet.
Langfristig könnte Legiano 1 Vorbild für andere Bezirke werden, etwa durch die Ausweitung auf die Bezirke 18 und 19. Die Stadt plant bereits Gespräche mit den Bezirksverwaltungen, um ähnliche Projekte zu starten. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine ökologische, sondern auch eine kulturelle Aufgabe ist – denn wer seine Stadtgärten wirklich leben will, muss sie mit den Menschen gestalten. Die Legiano-1-Entscheidung ist damit mehr als ein Parkprojekt: Sie ist ein Manifest für eine neue Art der Stadtplanung in Wien.
